Home » Die Lehren von Xu Yun » Kapitel 3: Die Erleuchtung Erlangen
Die Erleuchtung Erlangen
Der Chan hat zwei berühmte Meister namens Han Shan. Der eine lebte als Einsiedler im 9. Jahrhundert und sein Name bedeutet „Kalter Berg“. Der andere war ein Lehrer im 16. Jahrhundert und sein Name bedeutet „Verrückter Berg“. „Kalter Berg“ ist der größte Dichter des Chan-Buddhismus. „Verrückter Berg“ war auch ein recht guter Dichter. Wahrscheinlich ist er der zweitbeste Dichter von Chan.
„Kalter Berg“ wandte sich der Natur zu, um zu Frieden und Verstehen zu gelangen. Indem er die Schönheit der Natur fand, fand er die Schönheit in sich selbst. Auf diese Weise handeln Eremiten. Sie schauen, sie denken nach, sie verwandeln das Alleinsein in Einsamkeit.
„Verrückter Berg“ übertrag sich selbst, indem er für andere arbeitete. Sein Streben war es, dem gemeinen Volk zu helfen, die Erleuchtung zu erlangen. Das ist schon etwas schwerer als Frost und Hunger zu ertragen.
Han Shan, der „Kalte Berg“ sagte:
„Hoch oben auf dem Gipfel des Berges ist in allen Richtungen die Unendlichkeit! Der einsame Mond blickt von seiner mitternächtlichen Empore herab und bewundert sein Spiegelbild in dem gefrorenen Teich. Fröstelnd bringe ich dem Mond ein Ständchen.“
Han Shan, der „Verrückte Berg“ versuchte das, was man nicht sagen kann, in Worten auszudrücken, die jeder versteht:
Lege einen Fisch auf den Erdboden und er wird sich an den Ozean erinnern, bis er stirbt. Halte einen Vogel im Käfig und er wird den Himmel nicht vergessen. Jeder behält das Heimweh nach seinem wahren Zuhause, dem Ort wo die Natur beschloss, dass er dort sein sollte.
Der Mensch wird im Stande der Unschuld geboren. Seine wahre Natur ist Liebe und Anstand und Reinheit. Heute wandert er aus und verschwendet noch nicht einmal mehr einen Gedanken an seine alte Heimat. Ist das nicht trauriger als die Geschichte von den Fischen und den Vögeln?
Wir alle möchten gern ein Spiegelbild des Mondes der Erleuchtung sein. Wir alle würden gern wieder nach Hause zur Unschuld gelangen. Wie können wir das erreichten?
Wir folgen dem Dharma.
Buddha sah das nicht erleuchtete Leben der Unwissenheit als einen kranken Zustand an. Seine vier edlen Wahrheiten haben eine medizinische Bedeutung. Die erste lautet: Das Leben in Samsara ist bitter und schmerzlich. Die zweite: Die Begierde ist die Ursache der Bitterkeit und des Schmerzes. Die dritte ist: Es gibt ein Heilmittel für diese Krankheit. Die vierte lautet: Die Heilung besteht darin, dem achtfachen Pfad zu folgen.
Zuerst müssen wir erkennen, dass wir alle krank sind. Als Zweites brauchen wir eine Diagnose. Drittens, wir müssen uns versichern, dass das, was mit uns krank an uns ist, auch empfänglich für eine Behandlung ist. Viertens, müssen wir nach einer therapeutischen Behandlung verlangen.
Samsara ist die Welt, mit den Augen des Ich betrachtet. Es ist eine kranke Welt voller Sorgen, wegen der unaufhörlichen Begierden des Ich.
Der Versuch, die Forderungen des Ich zu erfüllen ist wie der Versuch, die größte Zahl zu benennen. Ganz gleich wie groß die Zahl ist, an die wir denken, es ist immer möglich eine Zahl zu addieren, um eine noch größere Zahl zu erhalten. Es gibt keine Möglichkeit, das Ende zu erreichen.
Stimmt es nicht, liebe Freunde, dass, ganz gleich wie viel Geld ein Mensch auch hat, er immer denkt, dass er nicht etwas mehr braucht?
Stimmt es etwa nicht, dass es keine Rolle spielt wie komfortabel jemand sein Heim auch eingerichtet hat, dass er es sich noch palastartiger wünscht? Und ist es etwa falsch, dass jemand, der viele Bewunderer hat, immer noch ein bisschen mehr Beifall hören möchte?
Ständiges Streben läuft auf ständigen Kummer hinaus.
Aber was können wir tun? Zunächst müssen wir begreifen, dass die Probleme, die das Ich schafft, nicht in Samsara, einer Welt der ständig wechselnden Illusionen gelöst werden kann. Warum? Weil sich das ich selbst ständig verändert. Es hat einen erdachten Charakter, der bezüglich der sich verändernden Bedingungen handelt und reagiert. Die Bedingungen können niemals völlig durchschaut, verstanden und begriffen werden.
Es ist so, als wollte man versuchen Fußball zu spielen und das auf einem Feld, dessen Größe sich ständig verändert und wo anstelle eines Balls plötzlich zwanzig im Spielfeld sind. Die Spieler indes laufen entweder auf dem Feld oder schlafen außerhalb des Feldes. Niemand ist sich wirklich sicher, welches Spiel gespielt wird und alle spielen nach unterschiedlichen Regeln. Jetzt könnte jemand, von dem erwartet wird, Spieler und Schiedsrichter zu sein, kein Vergnügen an einem solchen Spiel finden. ER würde sein Leben auf dem Spielfeld als eine endlose Folge von Angst, Durcheinander, Frust und Anstrengung empfinden.
Der Achtfache Pfad führt, begrenzt und führt Regeln ein, die ganz klar sind.
Der erste Schritt ist das Rechte Verstehen.
Das Verstehen erfordert beides: das Studium und die Konsultation bei einem Meister.
Die Informationen, die man durch Lesen erlangt, sind niemals ausreichend. Ist das Buch genau und richtig? Wenn es das ist, verstehen wir wirklich alles, was wir lesen? Wir können uns nicht selbst prüfen.
Denkt doch nur daran, was passieren würde, wenn sich Studenten ihre eigenen Tests ausdenken und sie auch noch benoten. Jeder würde eine Eins bekommen. Aber wie viele von ihnen würden ihr Fach tatsächlich kennen?
Viele Chan Schüler lesen ein Buch und dann prüfen sie ihr Verständnis, in dem sie ihre Freunde
Oder sie mit arroganten Erklärungen „erfreuen“. Lehrer kommentieren diese Diskussionen so: „Unter den Blinden ist der Einäugige König.“
Ein guter Lehrer ist unersetzlich. Ein guter Lehrer fordert uns und entscheidet, ob wir das Gelernte wirklich verstanden haben.
Wenn wir über eine Stelle im Buch unsicher sind, können wir das Buch nicht fragen. Wenn wir mit den Ansichten des Lehrers nicht übereinstimmen, können wir seine Anweisung nicht übergehen, so wie wir einige unliebsame Kapitel eines Buches überblättern. Es ist oft notwendig, dass wir mit einem guten Lehrer Rücksprache nehmen. Es gibt keinen Ersatz für diese regelmäßigen persönlichen Kontakte.
Wisst Ihr, es war einmal ein Seemann, der während seines Urlaubs die Frau seiner Träume kennen lernte. Er verliebte sich unsterblich in sie. Leider musste er zurück aufs Schiff, um die zwei Jahre, für die er angeheuert wurde, zu beenden. Er dachte: ‚Ich werde dafür sorgen, das sie mich nicht vergisst. Jeden Tag werde ich ihr schreiben. Wenn nicht für etwas anderes, so wird sie mich doch für meine Treue lieben.’
Jeden Tag, wo immer er war, schrieb er ihr und als er zwei Jahre später zurückkehrte erfuhr er, dass sie aufgrund der 200 Briefe, die er geschrieben hatte, den Briefträger geheiratet hatte.
Liebe Freunde, seid nicht wie dieser Mann, der sich auf das geschriebene Wort verlässt, um das Verstehen zu erreichen. Findet einen Meister, der sich regelmäßig mit Euch trifft. Öffnet ihm Euer Herz. Je genauer er Euch kennt, umso besser kann er Euch raten und unterweisen.
Der zweite Schritt ist das Rechte Denken.
Das Rechte Denken fordert von uns, dass wir uns unserer Motivationen bewusst werden. Wir müssen uns immer fragen, warum wir etwas haben oder tun wollen. Wir müssen rücksichtslos in unseren Fragen sein. Wenn ein Freund sich etwas anschaffen will, was er sich nicht leisten kann oder etwas tun will, das schlecht für ihn ist, dann würden wir ihm einen vernünftigen Rag geben, ihn warnen und ihm helfen zu erkennen wir er von diesen närrischen Sehnsüchten loskommt. Können wir uns nicht selbst so ein Freund sein? Können wir nicht unseren gesunden Menschenverstand einfach auf unsere eigenen Sehnsüchte richten?
Eine genaue Betrachtung wird unsere Situation verdeutlichen:
Der Kriegsherr T’ien Chi und der König von Chi’ i liebten das Pferderennen. Regelmäßig trafen sie sich, um ihre Pferde um die Wette laufen zu lassen.
Nun, jeder hatte drei Klassen von Pferden. Die dritte Klasse waren Zugpferde. Sie ziehen Wagen, sind groß und stark aber sehr langsam.
Die zweite Klasse waren die Kavallerie-Pferde. Das sind Pferde auf denen Ulanen, Bogenschützen und Fechter reiten. Diese Pferde sind stark und ziemlich schnell, aber sie sind älter, weil sie viele Jahre trainiert werden.
Die erste Klasse der Pferde waren die jungen Vollblüter auf denen Adlige und hohe Offiziere reiten. Diese Pferde sind leicht und sehr schnell.
Wann immer also der König und der Kriegsherr ein Wettrennen veranstalteten, schickten sie alle Pferde der dritten Klasse gegeneinander ins Rennen, dann die der zweiten Klasse und schließlich die der ersten Klasse, die Vollblüter.
Der König war sehr reich und besaß viel bessere Pferde als der Kriegsherr. Also gewann er natürlich alle Rennen.
In seiner Enttäuschung wandte sich der Kriegsherr T’ien Chi an Sun Ping, einen weisen Nachkommen von Sun Tzu, der die berühmte „Kunst des Krieges“ geschrieben hat. T’ien Chi fragte Sun Ping: „Bitte gib mir einen Rat. Wie kann ich gegen den König gewinnen?“
Der weise Mann überlegte einen Augenblick. Dann sagte er: „Herr, ich schlage vor, dass Ihr, wenn der König seine Pferde dritter Klasse ins Rennen schickt, Ihr Eure Pferde der zweiten Klasse gegen ihn antreten lasst. Wenn der König seine Pferde der zweiten Klasse schickt, schickt Ihr die der ersten Klasse. Wenn schließlich der König seine Pferde der ersten Klasse laufen lässt, schickt ihr die der dritten Klassen. So werdet Ihr zwei von drei Rennen gewinnen.“
Die Antwort war einfach, aber warum konnte der Kriegsherr sie nicht selbst finden? Weil sein Ich zu emotional mit diesem Wettkampf verbunden war. Er konnte aus der Situation nicht heraus, um sie objektiv zu beobachten. Er konnte das Rechte Denken nicht anwenden.
Liebe Freunde, seid rücksichtslos in der Überprüfung Eurer Wünsche. Wendet den gleichen gesunden Menschenverstand an, mit dem ihr Euren Freunden Ratschläge erteilt.
Der dritte Schritt ist die Rechte Rede.
Wie oft stellen wir Wörter in den Dienst des Ich.. Um einen Vorteil zu erreichen, schwatzen und übertreiben wir, wir lassen Teile der Geschichte aus, wir gegen zu verstehen, dass die anderen wahrscheinlich unschuldig sind, während wir auf unserer unbeschadeten Unschuld bestehen. Um im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, erzählen viele von uns schmutzige Geschichten und zotige Witze.
Wir glauben, dass Wörter schließlich keine Taten sind, dass sie wenig Macht und ein kurzes Leben haben. Wir gehen davon aus, dass sie sich verflüchtigen wie der Atem mit dem sie gesprochen sind. Aber Wörter haben Macht und können ewig leben. Sie können sogar noch mehr: sie können heilen oder schaden.
Gerade die Rechte Rede schreckt uns ab von Falschheit, Beleidigungen, Anschuldigungen oder davon mit unseren eigenen Leistungen zu prahlen.
Sie ermutigt uns auch, Worte des Trostes und des Verzeihens zu sprechen. Sie ermöglicht uns, Anerkennung und Wertschätzung für die Leistungen anderer auszudrücken.
Unterschätzt niemals die Macht des Wortes! Lasst mich Euch eine alte Geschichte erzählen, die seine Macht verdeutlicht:
Es war ein wundervoller Tag im Frühling und viele Menschen waren in den Park gekommen, um das grüne Gras, die blühenden Bäume und Pflanzen zu sehen. Unter den Leuten waren zwei blinde Bettler.
Der erste trug ein Schild, worauf stand: „Ich bin blind.“ Die meisten Leute gingen an ihm vorbei und bewunderten weiter die Umgebung.
Der zweite Bettler machte es viel besser. Fas jeder, der an ihm vorbeiging, warf eine Münze in seine Schale. Andere, die schon vorbeigegangen waren, kehrten sogar um und gaben ihm Geld.
Auf seinem Schild stand: „Es ist Mai – und ich bin blind.“
Liebe Freunde, wenn Ihr Euch entscheidet, ob Ihr sprechen wollt oder nicht, denkt an diesen blinden Mann, der erkannt hat, welchen Unterschied ein paar Wörter machen können.
Der vierte Schritt ist das Rechte Handeln.
Das Rechte Handeln beinhaltet Regeln.
1. Der Buddhist schwört, nicht gewalttätig zu sein.
Das bedeutet, dass er sein Leben oder das der Menschen, die in seiner Obhut sind verteidigen, aber selbst nicht zum Angreifer werden darf.
Aber was ist mit ihm selbst? Er ist auch einer der Menschen, gegen den er keine feindliche Handlung ausüben darf.
Frieden bedeutet nicht nur, dass kein Krieg ist. Angst ist kein aggressiver Zustand, aber er ist auch nicht friedvoll. Ein Kamerad, der im Koma liegt, ist nicht im Krieg aber auch nicht im Frieden.
Frieden ist der Zustand, der bewusst erreicht und erhalten wird.
Es ist nicht genug, einfach nur nicht gewalttätig zu sein. Wir müssen auch so handeln, dass die Harmonie, das Wohlbefinden und eine gute Gesundheit gefördert werden.
Rauchen zum Beispiel ist nicht nur für die Gesundheit des Rauchers schädlich, sondern auch für die Gesundheit aller, die ihn umgeben. Für beide Seiten gebietet die Regel gegen die Gewalt, das Rauchen zu verbieten.
Wann immer möglich, sollte sich der Buddhist enthalten, Fleisch zu essen. Ich sage wann immer es möglich ist, weil diese Regel nicht absolut ist. Viele Menschen leben zum Beispiel in arktischen Regionen, wo sie keine andere Wahl haben als Fische oder andere Meerestiere zu essen. Man kann in der Tundra keine Gärten anlegen. Und wir können das Dharma diesen Menschen nicht versagen, weil ihre Umwelt keine vegetarische Ernährung zulässt. Aber dort, wo es zahlreiches Gemüse gibt, besteht kein Grund, Fleisch zu essen. Eine vegetarische Ernährung fördert außerdem die Gesundheit und sollte auch aus diesem Grund beachtet werden.
Übungen – besonders Tai Ji Quan oder Qi Gong – befreien von Aggressionen und Wut und haben auch eine heilsame Wirkung auf den Körper. Yoga ist auch sehr wohltuend.
2. Der Buddhist schwört wahrhaftig zu sein und das nicht nur in seinem privaten, sondern in seinem beruflichen Leben.
Alle Arten von Betruf und Schikane sind von dieser Vorschrift erfasst. Wann immer wir die Wahrheit für einen Vorteil opfern, den wir erreichen wollen, betreten wir eine verworrene Welt.
In Tokio lebten zwei Händler, die sich nach Jahren der Konkurrenz, des Duldens und der gegenseitigen Täuschung völlig misstrauten.
Eines Tages trafen sie sich am Bahnhof. Der erste Händler fragte: „Wohin fahren Sie?“ Der zweite Händler dachte eine Moment lang nach und antwortete: „Nach Kobe.“ Der erste Händler zischte ihn an: „Sie sind ein Lügner! Sie sagen mir, dass sie nach Kobe fahren, weil Sie wollen, dass ich glaube, Sie würden nach Osaka fahren. Aber ich habe Nachforschungen angestellt, ich weiß, dass Sie nach Kobe fahren.“
Liebe Freund, das ist das Ziel sogar der kleinsten Täuschung. Unser guter Ruf ist wie ein Aushängeschild. Wenn wir einmal als Lügner und Betrüger bekannt sind, liefern wir unsere Absichten –und seien sie auch noch so gut und unschuldig – Zweifeln und Misstrauen aus.
3. Der Buddhist schwört, sich keinen fremden Besitz anzueignen. Das ist das Verbot zu stehlen.
Viele Leute glauben, dass das Verbot nur Einbrecher und Taschendiebe meint. Solange sie also nichts aufbrechen und betreten oder Geldbörsen keine hochziehen, solange müssen sie sich keine Gedanken um dieses Verbot machen. Und deshalb haben sie auch keine Gewissensbisse wegen kleinerer Diebstähle oder der widerrechtlichen Aneignung von fremden Eigentum.
Aber was ist mit einer unbezahlten Schuld? Ist das nicht auch Diebstahl? Was ist, wenn man etwas ausleiht und es nicht zurückgibt? Ist das auch Diebstahl? Was ist, wenn man das Eigentum eines anderen benutz, es dabei beschädigt, aber den Schaden nicht ersetzt? Ist das nicht Diebstahl?
Manchmal handeln wir so als hätten wir einen Anspruch auf das Eigentum des anderen, weil sich der andere unseren Besitz angeeignet hat. Die Goldene Regel sagt, dass wir andere so behandeln sollen wie wir selbst behandelt werden wollen. Das heißt nicht, dass wir anderen das antun sollen, was sie uns angetan haben.
Wir entschuldigen und übersehen unsere eigenen Diebstähle, so dass wir kein Gefühl der Reue haben. Eine alte Weisheit lautet: “Dem Dieb tut es leid, gehängt zu werden, aber nicht, dass er ein Dieb ist. Wenn wir vor einer Tat ihre ethischen und tatsächlichen Folgen überprüfen würden, müssten wir uns niemals um den Galgen Sorgen machen.
4. Der Buddhist schwört, sittlich im Umgang mit der Sexualität, bescheiden und verantwortungsbewusst zu sein.
An dieser einen Vorschrift erkennen wir, wie leicht es ist, sie zu brechen. Wegen seiner Leidenschaft kann ein Mensch stehlen. Wegen seiner Leidenschaft kann ein Mann die Frau, die er begehrt, mit Alkohol betrunken machen und sie betrügen, indem er ihr falsche Versprechungen macht. Und wenn er ihren Körper auf diese Weise benutzt und missbraucht, fügt er ihr dann nicht einen Schaden zu?
Je mehr wir die Unmoral verdammen, um so mehr preisen wir die Moral! Dem tugendhaften Menschen, der keusch in seinem Leben allein ist oder seinem Ehegelöbnis treu bleibt, gebührt große Ehre.
In dem Versagen das Gebot der Moral einzuhalten, finden wir die schlimmste Heuchelei. Wie oft begegnen wir einem Mann, der seine eigene Tochter nahezu grausam bewacht, aber selbst die Töchter anderer Männer verführt?
Wenn er einen Mann tötete, der seine Tochter oder Frau geschändet hat, dann würde er erwarten, dass das Gericht ihn als Opfer betrachtet und von jeglicher Schuld frei spricht. Wenn aber er es ist, der verführt und verdirbt, betrachtet er sich selbst als heldenhaft. Ist das nicht die furchtbare und traurige Wahrheit?
Es ist nicht leicht für einen Menschen, die sinnliche Begierde zu überwinden. Die Versuchungen sind allgegenwärtig und von unendlicher Vielfalt. Wenn aber ein Mensch einen Teil der Energie, die er darauf verwendet sexuelle Eroberungen zu machen, dafür einsetzt, um seine eigene sinnliche Begierde zu überwinden, dann würde er wirklich geistige Fortschritte machen.
Für alle redlichen Menschen ist dieser Kampf sehr schwer. Sogar Buddha sagte: „Wenn ich noch solch’ ein Hindernis gehabt hätte, dass ich unter den gleichen Schwierigkeiten überwinden müsste wie meine Sexualität, hätte ich es niemals geschafft.“
Buddhas Humor und seine selbstkritische Offenheit sollten uns allen Mut machen.
5. Der Buddhist schwört Enthaltsamkeit von Alkohol und anderen Rauschmitteln
Die einen sagen: „Wenn man gelegentlich Alkohol trinkt, tut das niemandem weh.“ Aber ein Gelegenheitstrinker ist immer noch ein Trinker. Das ist genauso als wäre eine Frau „ein bisschen“ schwanger. Entweder sie ist schwanger oder sie ist es nicht.
Die Beschreibung „gelegentlich“ ist die unverriegelte Tür, die jeder Dieb öffnen kann. Auch die Tür zur Nüchternheit ist entweder verriegelt oder nicht. Die Erfahrung lehrt uns, dass der beste Weg, um ein Problem zu lösen, darin besteht, es zu umgehen. Völlige Abstinenz ist die beste Art, um das Gebot zu befolgen.
Der gelegentliche Trinker kann nüchtern bleiben, wenn er nicht von Problemen belastet wird. Aber sobald er in ernsthafte Stresssituationen gerät, kann er leicht der ausweglosen Flucht in den Alkohol unterliegen.
Plötzlich ist er Gefangener des Trinkens: Er entdeckt, dass ein Glas zu viel ist und hundert zu wenig sind. Alkohol verringert unsere Hemmungen, so dass wir nachsichtig mit uns selbst werden. Alkohol führt dazu, dass wir die Regeln von Sitte und Anstand verletzen und dann dem Alkohol die Schuld für unser schlechtes Benehmen geben und nicht der Tatsache, dass wir zuerst zu viel getrunken haben.
Natürlich sagen wir uns, dass wir zu unserem Vergnügen trinken, aber wenn wir trinken und unsere Sinne vernebeln, wie können wir das ein Vergnügen nennen? Und selbst wenn wir das könnten, welchen Wert hat es, ein Vergnügen zu haben, an das wir uns später nicht erinnern können?
Es kommt häufig vor, dass ein Betrunkener, der unmoralisch handelt, später, wenn er nüchtern ist, sich selbst mit Abscheu betrachtet. Aber er wird diesen Abscheu als Entschuldigung nehmen, um wieder zu trinken.
Dieser Mensch sollte statt dessen, sich seiner wahren Buddha-Natur bewusst werden! Er sollte lernen, dass er in sich selbst Wahrheit, Frieden, Freude und Freiheit finden wird. Versichert ihm, dass wenn es möglich wäre, dies alles in Wein wachsen zu lassen und so in eine Flasche zu bringen, wir alle Winzer und Trunkenbolde wären.
Liebe Freunde, es gibt eine alte Redensart: „In vino veritas.“, das heißt: Im Wein liegt Wahrheit, vorausgesetzt, wir trinken genug davon. Aber die einzige Wahrheit, die wir jemals finden, wenn wir allzu sehr im Wein schwelgen, ist, dass das Leben in Samsara bitter und schmerzlich ist.
6. Der Rechte Lebenserwerb
Es ist einleuchtend, dass wir nicht für Gewinn illegal handeln dürfen, wenn wir schon es schon nicht aus Spaß illegal handeln dürfen.
Aber wir dürfen jedem Lebenserwerb nachgehen, der ehrlich und ehrbar ist. Ehrliche Arbeit ist ehrliche Arbeit. Es gibt keine edlen und unedlen Berufe. Aber aus irgendwelchen Gründen ist das keine grundlegende Ansicht wie es scheint.
In Indien gibt es zum Beispiel das traditionelle Kastensystem. Es gibt eine Priester- und Kriegerkaste, eine Kaste der Händler und Arbeiter und, ganz weit unten die Kaste der Unberührbaren oder der sozial Ausgestoßenen. In der Kaste, in die ein Mensch hineingeboren wird, bleibt er. Er kann einen Beruf nach dem anderen erlernen. Es spielt keine Rolle wie talentiert oder intelligent er ist, wenn er in die Familie von Landarbeitern hineingeboren ist, so ist ihm nur gestattet genau diese Arbeit zu tun. Er darf nicht einmal soziale Bindungen außerhalb seiner Kaste knüpfen. Das System ist heute nicht mehr so starr, aber zu Buddhas Zeiten waren diese Regeln unverbrüchlich.
Trotz allem weigerte sich Buddha dieses ungerechte System anzuerkennen. Es folgte diesen Regeln in keiner Weise. Die Menschen mochten das an ihm. Er war ein Prinz, aber er diskriminierte niemanden von geringerer Geburt. Und wenn man ein Prinz gibt, dann gibt es immerhin nicht viele, die sozial höher gestellt sind, als man selbst.
Buddha ließ sich nicht vom Beruf oder dem sozialen Rang eines Menschen beeinflussen. Buddha besaß das „Auge der Einsicht“. Kein frommer Betrüger konnte ihn zum Narren halten. Er brauchte einen Menschen nur anzusehen und wusste, um seine Frömmigkeit Bescheid. Nur wenige Menschen besitzen diese Gabe.
Es geschah, dass in der Nähe von Shravasti ein Ausgestoßener namens Sunita lebte, der so weit unten um sozialen Rang war, dass es ihm nicht einmal erlaubt war, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten. Er war ein Unberührbarer und niemand traute sich, die Kastengesetze zu brechen und ihn zu beschäftigen. Sunita verdiente sich seinen Lebensunterhalt, indem er jeden Tag zum Müllplatz der Stadt ging und die Abfälle nach weggeworfenen Blumensträußen zu durchwühlen, die auf unerklärliche Weise noch eine frische Blüte hatten, währen alle anderen Blumen verwelkt waren.
Sunita machte aus diesen Blüten Sträuße und verkaufte sie an die Leute, die auf der Straße vorüberkamen. Es gab sicher viele andere Menschen in der Stadt, die genau so arm waren wie Sunita, aber niemand war ärmer. Trotz seiner Armut erlangte Sunita die Erleuchtung. Er war ein liebender und sanfter Mensch. Es ist überflüssig zu sagen, dass er Buddhas Predigten hörte und ein frommer Gläubiger war.
Eines Tages kam Buddha in einer Prozession die Straße nahe des Müllplatzes entlang, wo Sunita im Abfall herum suchte. Sobald Sunita die Prozession kommen sah, duckte er sich hinter einen Felsen. Aber Buddha hatte Sunita bereits mit seinem „Auge der Einsicht“ gesehen und erkannt, dass er ein Erleuchteter war.
„Hallo da“, rief er dem kriechenden Mann zu. „Bitte steh’ auf und lass’ mich dich sehen!“ Beschämt stand Sunita langsam auf, hielt seinen Kopf geneigt und seine Hände wie im Gebet aneinandergepresst vor sein Gesicht.
„Warum hast du dich hinter diesem Felsen versteckt?“, fragte Buddha. „Gesegneter“, sagte Sunita. „Ich wollte Eure Augen nicht mit meinem Anblick beleidigen. Ich bin Eures flüchtigen Blickes unwert.“
Viele Menschen in Buddhas Prozession empfanden das genauso. Sie zogen Buddha am Ärmel und versuchten ihn zum Weitergehen zu bewegen, weg von dem Ausgestoßenen. „Er ist unrein“, sagten sie. „Er ist nur ein Müllsucher, ein Unberührbarer.“
„Ist er das?“, fragte Buddha und ging zu dem Mann. Und, obwohl ihn einige daran hindern wollten, legte er den Arm um Sunitas Schultern. „Sehr. Ich habe ihn berührt und er lebt noch.“
Dann fragte Buddha Sunita: „Guter Herr, wenn du diese Arbeit nicht allzu sehr liebst, könnte ich Euch dazu bringen, mir in meinem geistlichen Amt zu assistieren? Ich könnte einen guten Arbeiter wie Euch gebrauchen.“
Unter Tränen, die über sein Gesicht rollten, stimmte Sunita zu. Man sagt, entsprechend der Wünsche Buddhas blieb Sunita für den Rest seines Lebens an Buddhas Seite, wo er ihn erreichen und berühren konnte.
6. Die vollkommene Anstrengung
Wir bemühen uns um die vollkommene Anstrengung , wenn wir schlechte Angewohnheiten aufgeben und gute Gewohnheiten entwickeln. Das ist leichter gesagt als getan.
Wir wissen, dass eine Fertigkeit durch Übung erreicht wird, aber um spirituelle Aufgabenstellungen, die wir gelernt haben, zu über, müssen wir die Gelegenheit dazu finden. Im Chan müssen wir uns vergegenwärtigen, dass uns mit jedem Atemzug eine Möglichkeit der Übung zur Verfügung gestellt wird.
Die Menschen glauben, dass sie die Umgebung, die Welt störend ist. Sie verstehen nicht, dass sie selbst die Torhüter ihres eigenen Verstandes sind, und das sie leicht diese Türen zu ihrem Verstand öffnen oder schließen können. Wenn sich die Menschen stören lassen, dann nur deshalb, weil der Torhüter die Türen offen gelassen hat.
Manche Menschen, die ihren eigenen Verstand nicht kontrollieren können, bemühen sich statt dessen, den Verstand der anderen zu kontrollieren. Sie finden es weniger entmutigend zu versuchen, die Gedanken hunderter Menschen zu dirigieren als ihre eigenen. Das ist die Situation, die Buddha im Sinn hatte als er sagte, dass der Mann, der zehntausend Männer auf dem Schlachtfeld besiegt, nicht gleichermaßen heldenhaft ist wie der, der sich selbst besiegt.
Jeden Tag müssen wir in all unserem Tun so handeln, dass es unser Ziel, die Erleuchtung und das Sich-Selbst-Bewusstwerden, fördert. Wenn wir in der Gesellschaft von Menschen sind, die uns leicht zum Irrtum führen, sollten wir den Kontakt mit ihnen meiden. Wenn wir ungenügend Zeit zum Meditieren haben, weil wir zu sehr mit Ausgehen, Hobbys und Sport beschäftigt sind, dann sollten wir diese Aktivitäten verringern.
Es bedarf der bewussten Anstrengung, die Chan-Ruhe zu erreichen. Die geistige Gelassenheit kann nur durch Übung erreicht werden.
Ein weiser Mann hat bemerkt, dass der Geist dessen, Chan praktiziert, nicht in Not geraten und eingeschüchtert werden kann. Ob die Zeiten gut oder schlecht sind, es geht einfach im gleichen Schrittmaß weiter wie eine Uhr, die währen des Gewitters auch weitertickt.
Mir gefällt das. Wir alle sollten wie Uhren sein, die selbst während des Gewitters weiterticken.
7. Die vollkommene Achtsamkeit
Liebe Freunde, es sollte kein Tag vergehen, an dem wir nicht unser Verhalten reflektieren. Haben wir alles getan, um anderen gegenüber, für ihr Wohlbefinden freundlich und hilfsbereit zu sein?
Haben wir entgegen der Lehre Buddhas gehandelt? Waren wir kleinlich oder niederträchtig? Stolz oder faul? Gefräßig oder habgierig? Eifersüchtig oder zornig?
Haben wir uns selbst oder andere mit lüsternen Gedanken, Worten und Taten befleckt?
Es ist nicht einfach, die eigenen Fehler zu sehen. Manchmal strengen wir uns an, sie zu entdecken, können sie aber nicht sehen.
Nachts, wenn wir in hellerleuchtetem Zimmer stehen und versuchen, in die dunkle Nacht nach draußen zu blicken, ist alles, was wir sehen können, unser eigenes Spiegelbild im Glas. Wir werden nichts sehen, was wir nicht schon wüssten. Das Bild von uns selbst und von dem kleinen, vertrauten Raum, in dem wir eingeschlossen sind. Wenn wir uns selbst sehen wollen, müssen wir die Lichter löschen. Wir müssen unser Selbst verdunkeln, ausblenden oder ganz verschließen. Nur dann können wir durch das Glas sehen.
8. Die Vollkommene Meditation
a) Das Hua Tou
Liebe Freunde, eine alte Weisheit sagt: Wenn ein Mann für eine Stunde glücklich sein will, isst er eine gute Mahlzeit, wenn er ein Jahr glücklich sein will, dann heiratet er, wenn er ein Leben lang glücklich sein will, dann legt er einen Garten an. Wenn er aber ewig glücklich sein will, dann untersucht ein ein Hua Tou.
Was ist ein Hua Tou? Hua Tou bedeutet „Kopf-Wort“. Das Gegenteil von Hua Tou ist Hua Wei, was „Schwanz-Wort“ bedeutet.
Wenn ein Hund an uns vorübergeht, sehen wir vor seinem Körper den Kopf und danach sehen wir seinen Schwanz. So weit, so gut. Also das Kopf-Wort oder Hua Tou ist der Punkt, wo die Gedanken entspringen, der Punkt, bevor sie den „Körper“ des „Sich-Selbst-Bewusstseins“ betreten. Der Schwanz ist der sich anschließende Gedanke. Zum Schwanz-Wort kommen wir später.
In alten Zeiten wurde es als ausreichend angesehen, zum ruhigen Geist zu gelangen, um die Buddha-Natur zu erkennen.
Bodhidharma sprach vom „Geist zur Ruhe bringen“ und der Sechste Patriarch nannte es „Erkennen der Selbst-Natur“. Beide vertreten das einfache Erkennen des wahren Geisteszustandes der unbefleckten Reinheit. Aber diese Erklärung war einfacher gesagt als getan.
Mit den Jahren wurde der Chan bekannt und viele Menschen mit unterschiedlichen geistigen Veranlagungen fühlten sich davon angezogen. Viele, die Chan praktizieren behaupten, einfache Wege gefunden zu haben, um einen hohen Grad der Erleuchtung zu erlangen. Sie prahlen damit, die kostbaren Juwelen des Dharmas zu besitzen. Aber die Juwelen, die sie beschreiben, haben sie bloß im Besitz der anderen gesehen.
Wahre Chan-Meister können wahre und falsche Behauptungen voneinander trennen. Anfängern jedoch fällt es schwer, die Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden.
Die Meister, die wegen der verwirrenden Auswirkung dieser falschen Informationen die Anfänger auf Anfänger beunruhigt waren, entschlossen sich, Methoden zu entwickeln, um den erreichten Grad auf dem Weg zu Vollendung der Meditation zu messen.
Eine der Methoden, die sie erdacht haben, war das Hua Tou.
Das Hua Tou ist also eine Aussage, die gemacht wird, um unsere Gedanken auf einen einzigen Punkt zu konzentrieren. Auf einen Punkt, der im Geist entsteht. Dabei ist der Geist der Kopf des Gedankens. Unsere Gedanken sollen auf einen Punkt gerichtet sein, bevor der Gedanke unser Bewusstsein erreicht. Es ist ein „Ursprungs-Gedanke“.
Lasst uns das Hua Tou „Wer wiederholt den Namen des Buddha?“ untersuchen. Von allen Hua Tou ist es das kraftvollste.
Dieses Hua Tou kann auf verschiedene Weise dargestellt werden, aber jede Art weis auf eine zentrale Frage hin „Wer bin ich?“
Unbeschadet dessen wie die Frage gestellt wird, muss die Antwort am gleichen Ort gefunden werden, wo sie ihren Ursprung hat: An der Quelle der Buddha-Natur. Das Ich kann sie nicht beantworten.
Offensichtliche, schnelle und leichte Antworten sind wertlos. Wenn gefragt wird „Wer wiederholt den Namen des Buddha?“, dann dürfen wir nicht antworten „Ich, die Buddha-Natur.“ und das so hinnehmen. Wir müssen uns fragen, wer dieses Ich ist. Wir führen unsere Fragen und Gegenüberstellungen fort. Ein Krieg tobt in unserem Verstand. Das Ich kämpft gegen das Ich. Manchmal gewinnt das Ich und manchmal verliert es. Wieder und wieder sind wir im Kampf. Was ist es, dass unseren Geist bewusst werden lässt, Ich zu sein? Was ist mein Geist überhaupt? Was ist Bewusstsein?
Unsere Fragen werden immer subtiler bis wir schließlich von ihnen besessen sind. Wer bin ich? Wie kann ich wissen, wer ich bin? Diese Fragen gehen uns immer wieder durch den Kopf wie ein müder und zorniger Boxer. Manchmal möchten wir aufhören über das Hua Tou nachzudenken, aber wir können es nicht aus dem Sinn bekommen. Die Glocke ertönt nicht, um uns ruhen zu lassen.
Wenn Euch die Vergleiche aus dem Boxsport nicht gefallen, dann könnt Ihr auch sagen: „Das Hua Tou beginnt uns wie eine Melodie zu verfolgen, die man nicht aus dem Sinn bekommt.“
Das sind wir nun, immer herausgefordert, stets im Kampf. Es ist nicht nötig zu sagen, dass sich ein Hua Tou niemals zu einem leeren Ausdruck entarten sollte. Viele Leute glauben, sie können mit ihrem Hua Tou Schattenboxen und ihren Kampf nachlässig führen. Während ihr Geist irgendwo anders ist, sprechen ihre Lippen „Wer wiederholt den Namen des Buddha? Wer wiederholt den Namen des Buddha?“ Das ist die Art von Papageien, nicht die von denen, die Chan praktizieren.
Das Hua Tou hat eine Bedeutung. Es ist eine Frage, die eine Antwort hat und wir müssen entschlossen sein, diese Antwort zu finden.
Ich weiß, dass sich die Frage „Wer bin ich?“ sehr leicht und als könnten wir sie ohne Schwierigkeiten beantworten, anhört. Aber es ist keine leichte Frage. Oftmals ist sie extrem schwierig.
Es gibt viele Menschen, die in ihrem Leben an einen Punkt kommen – ohne dass sie Chan praktizieren – und wirklich anfangen sich zu fragen, wer sie sind.
Lasst uns zum Beispiel eine Frau mittleren Alters betrachten, die an dem Punkt angelangt ist, wo sie sich nicht mehr sicher ist, wer sie ist. Sie hat das, was die Psychologen neuerdings eine „Identitätskrise“ nennen. Vielleicht sind ihre Kinder erwachsen und weggezogen und ihr Ehemann findet sie nicht mehr attraktiv. Sie ist deprimiert und durcheinander.
Plötzlich bemerkt sie, dass sie sich selbst ihr ganzes Leben lang nur durch die Beziehungen zu anderen Menschen identifiziert hat. Sie war immer irgend jemands Tochter oder Schwester, Angestellte oder Freundin oder Ehefrau oder Mutter. Diese Frau beginnt nun sich zu fragen: „Wer bin ich, wenn ich nicht jemandes Tochter, Ehefrau, Mutter usw. bin? Wer genau bin ich?“
Vielleicht blickt sie auf ihr Leben zurück und sieht, dass sie während sie auf die Bedürfnisse der einen Person konzentriert war, nicht die Bedürfnisse anderer befriedigen konnte und das jene, die sich von ihr vernachlässigt fühlten, sie kritisierten und die anderen, die ihre Hilfe bekamen, das als etwas betrachteten, worauf sie sogar einen Anspruch haben.
Die Tatsache, einerseits kritisiert und andererseits als selbstverständlich genommen zu werden, hat sehr viel Leid gebracht.
Noch schlimmer ist, dass sie vielleicht erkennt, dass sie die Forderungen ihres inneren geistigen Lebens vernachlässigt hat, indem sie die Forderungen dieser äußeren sozialen Beziehungen erfüllt hat.
Aber ein Band hält zwei Teile zusammen. Es ist kein einseitiges Band. Ist es nicht so, dass wir diese Bindungen erlauben oder gar dazu ermutigen, weil wir uns danach sehnen geliebt oder respektiert, gefürchtet oder bewundert zu werden? Sind es nicht unsere Sehnsüchte nach Menschen, Orten und Dingen der Existenz in Samsara, die letztlich diese Bitterkeit und diesen Schmerz verursachen? Natürlich sind sie die Ursache.
Es war einmal ein Mann, der auf einem Lebensmittelmarkt arbeitete. Jeden Tag stahl er Lebensmittel und brachte sie mit nach Hause zu seiner Familie. Seine Frau und die Kinder wurden stark und blieben gesund und sie verwendeten das Geld, das sie sonst für Lebensmittel ausgegeben hätten, für Kleidung und andere Dinge. Sie sagten ihm, er sei der beste Vater und Ehemann, den man sich wünschen könnte.
Bald sah der Bruder des Mannes den Wohlstand und bat, auch für ihn Lebensmittel zu stehlen. Und der Mann willigte ein. Sein Bruder pries ihn: “Du bist der beste Bruder, den ein Mensch haben kann.“, sagte er.
Dann bat ihn ein freundlicher Nachbar, der finanzielle Probleme hatte um Hilfe und der Mann stahl mehr Lebensmittel. Der Nachbar war so dankbar: „Du bist der beste Freund, den ein Mann haben kann!“, sagte er.
Der Mann fühlte sich wichtig und hoch geschätzt. In seinem Wunsch geliebt und respektiert zu werden, erkannte er nicht, dass er ein gemeiner Dieb geworden war.
Um es kurz zu machen: Der Mann wurde gefasst, vor Gericht gestellt und des Diebstahls angeklagt. Er wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.
Wer von den Leuten hat sich wohl freiwillig gemeldet, um seinen Platz im Gefängnis wenigstens für eine Nacht einzunehmen? Keiner.
Wer hat freiwillig wenigstens die Hälfte von dem, was der Mann besorgt hatte, zurückgegeben? Keiner!
Traurigerweise musste der Mann erfahren, dass es seiner Familie peinlich war, mit einem Dieb verwandt zu sein. Auch erfuhr er, dass sein Freund seine Erleichterung ausdrückte, dass ein Nachbar von solch’ niederem Charakter nun sicher im Gefängnis war.
Wenn wir uns also fragen, wer wir wirklich sind, müssen wir über die törichten Sehnsüchte unseres Ich und die bemitleidenswerte Art und Weise, wie es um Anerkennung buhlt, nachdenken.
Wenn wir uns fragen: „Wer bin ich?“, müssen wir uns auch fragen, ob wir uns selbst durch Begriffe wie Reichtum oder soziale Stellung definieren. Was würde passieren, wenn wir unser Geld verlieren oder wegen eines Makels in unserem Stammbaum aus der Gesellschaft ausgeschlossen würden? Sind wir unsere Kontoauszüge, unser sozialer Kreis, unsere Abstammung?
Was ist mit unseren Arbeitsstellen? Sind wir unsere Berufe? Wenn ein Musiker seine Hand verletzt und sein Instrument nicht mehr spielen kann, hört er dann auf zu existieren? Wird ihm seine menschliche Natur entzogen, weil er seiner Identität als Musiker beraubt ist?
Identifizieren wir uns über die Bezeichnungen zur unserer Nationalität, durch unsere Städte, über unsere Nachbarschaft, über die Sprache, die wir sprechen oder die Sportmannschaft, deren Anhänger wir sind?
Verlieren wir einen Teil unserer Identität, wenn wir an einen neuen Ort ziehen?
Sind wir unsere Körper? Wenn ein Mensch einen Kopf, Rumpf und vier Gliedmaßen hat, was passiert, wenn er zwei Gliedmaßen verliert? Ist er dann nur zu zwei Dritteln ein Mensch? Bedenkt, wie töricht das wäre, wenn ein Mann und sein Bruder sich eine Erbschaft teilen müssten und einer der Brüder würde für sich mehr beanspruchen, weil dem anderen ein Arm und ein Bein fehlt und er damit nur Anspruch auf zwei Drittel seines Erbteiles hätte. Wollen wir unser Selbst als unser Ich, unseren bewussten Sinn von „Ich“ oder „Mir“ oder „Mein“ definieren?
Was passiert, wenn wir schlafen? Hören wir dann auf zu existieren? Was geschieht, wenn unsere Aufmerksamkeit völlig auf ein Problem oder ein Theaterstück oder eine wunderschöne Musik konzentriert ist? Was geschieht, wenn wir meditieren und den Sinn für das Ich völlig verlieren? Hören Heilige, die den Grad der vollkommenen Selbstlosigkeit erreicht haben, auf zu existieren?
Und Shakyamuni Buddha, der der Persönlichkeit Siddhartas beraubt war, dass er nur Tathagata- der So-Seiende genannt werden konnte, hörte er auf zu existieren, weil er keine Selbst-Natur hatte?
Bei dem Versuch, das Hua Tou „Wer bin ich?“ oder „Wer wiederholt den Namen des Buddha?“ zu beantworten, müssen wir unsere illusorische Identität, die veränderliche, bedingte samsarische Identität, untersuchen. Das Hua Tou wird uns dann viel enthüllen.
Liebe Freunde, lasst uns mit alten Neigungen brechen! Löst Euch von stolzen Selbstbildern und besonderen Beziehungen und schafft statt dessen demütige Entfaltung. Braucht keine Freunde! Versucht einfach jemand zu sein, der freundlich ist und alle Menschen respektiert und sie mit Freundlichkeit und Rücksicht behandelt. Beschränkt kindliche Zuneigung nicht auf die Eltern, sondern tragt Sorge für alle älteren Menschen usw. Irgendwann werden wir uns von besonderen emotionalen Beziehungen lösen und uns für die gesamte Menschheit öffnen. Dann wird eine neue Stärke des Charakters zu Tage treten.
Das Hua Tou „Wer bin ich?“ ist ein Vajra Schwert, das, wenn es richtig gehandhabt wird, das lästige Ego abtrennt. Ein Hua Wei oder Schanz-Wort führt einen Gedanken zurück zum Ursprung. Das kann auch sehr nützlich sein. Wenn zum Beispiel ein Kind in der Gesellschaft seiner Freunde den Vater fragt: „Können wir dieses Wochenende ans Meer fahren?“ , sein Vater aber barsch antwortet: „Stör’ mich nicht!“ und das Kind wegschubst, dann empfindet das Kind Verlegenheit und den Schmerz der Ablehnung. Die Antwort kann ein Hua Wei sein. Der Mann muss sich selbst fragen: „Warum habe ich meinem Kind auf diese Weise geantwortet? Warum war ich plötzlich so verärgert?“ Er weiß, dass er guter Laune war, bevor das Kind zu ihm kam. Also was war in der Frage, was ihn verärgert hat?
Er beginnt jedes Wort zurückzuverfolgen. War es das Wort „Wochenende“? Was verbindet er mit diesem Wort? Wenn er nichts finden kann, nimmt er die Wortverbindung „ans Meer“. Er versucht, sich an alle Dinge, die er am Meer erlebt hat, zu erinnern. Er denkt an viele Ereignisse und plötzlich fällt ihm etwas ein, das ihn verärgert hat. Er möchte nicht daran denken, aber die Disziplin des Hua Wei zwingt ihn, das Erlebnis von damals genauer zu untersuche. Was beunruhigt ihn an dieser Erinnerung? Was war so unangenehm? Er untersucht das Ereignis weiter bis er an die Wurzel für diese Qual gelangt.
Liebe Freunde, das ursprüngliche Ereignis hat sicher dazu geführt, dass sein Stolz, sein Selbstwertgefühl Schaden genommen haben. Wenn sich der Mann erinnert und diese Erfahrung noch einmal durchlebt, kann er nun das Ganze von einer anderen, reiferen Perspektive aus betrachten. Vielleicht geht diese bittere Erfahrung auf eine harte Behandlung durch seinen eigenen Vater zurück? In diesem Fall wird er erkennen, dass er den Schmerz aus seiner eigenen Kindheit, den er mit dem Meer verbindet, auf seinen unschuldigen Sohn übertragen hat. Er wird diese unfreundliche Zurückweisung wieder gut machen und auf diese Weise wird sein Charakter reifen.
Wenn sich ein Mensch genügend auf ein Hua Wei konzentriert, kann es gelegentlich vorkommen, dass sich die Katze in den eigenen Schwanz beißt und man vom Ende zum Anfang kommt.
Manchmal funktioniert ein Hua Tou wie eine Anleitung, eine Art Führer, die uns hilft, mit den Problemen des Lebens fertig zu werden. Ein Hua Tou erhält uns aufrecht und führt uns auf dem schweren Weg zur Erleuchtung.
Vor langer Zeit hatte der Chan-Meister Hui Jue vom Lan Ye Berg eine Schülerin, die ihn um Unterweisung bat. Er gab ihr das Hua Tou „Lass es sein.“ Er sagte ihr, wenn sie gewissenhaft das Hua Tou als Sense benutzt, würde sie ihre Illusionen damit abschneiden und Erleuchtung ernten.
Diese Frau vertraute ihrem Meister und blieb entschlossen, ihrer Bestimmung gemäß erfolgreich zu sein. Sie arbeitete mit diesem Hua Tou: „Lass es sein.“ Lass was sein? Wer lässt es sein? Was ist Sein? Ihr Haus brannte nieder und als die Leute kamen, um es ihr zu sagen, schloss sie die Augen und sagte: „Lass es sein.“ Ihr Sohn ertrank und als die Leute ihr die Nachricht brachten, schloss sie langsam die Augen und sagte „Lass es sein.“.
Eines Tages bereitete sie Pfannkuchen für das Mittagessen vor. Der Teig war fertig und das Öl war heiß. Es zischte, als sie etwas von dem Teig in das heiße Öl gab. Dieses kleine zischende Geräusch hallte in ihrem Geist wieder und sie erlangte Erleuchtung. Sie war die Pfanne mit dem heißen Öl auf den Boden, hüpfte auf und nieder, klatschte in die Hände und lachte, lachte unaufhörlich. Ihr Ehemann dachte natürlich, sie habe den Verstand verloren.
„Was für eine Katastrophe!“, schrie er. „Was soll ich nur tun?“ Und seine Frau drehte sich zu ihm um und sagte: “Lass es sein. Lass es einfach sein.“ Dann ging sie zu Meister Hui Jue und er bestätigte, dass sie wirklich die Heilige Frucht geerntet hatte.
Richtet Euren Geist immer auf das Hua Tou, wenn Ihr nicht gerade etwas tut, das Eure ungeteilte Aufmerksamkeit fordert. Sicher, wenn Ihr ein Flugzeug fliegt, könnt Ihr nicht anfangen an Euer Hua Tou zu denken. Die Entdeckung, ob ein Hund Buddha-Natur hat oder nicht, wird Euch wenig nützen, wenn Ihr einen Absturz mit dem Flugzeug habt. Auch das Autofahren verlangt Eure volle Aufmerksamkeit. Ihr solltet nicht riskieren, das kleine Selbst der anderen zu töten, nur weil Ihr versucht, Euer eigenes zu töten.
Aber es gibt täglich viele Möglichkeiten sicher am Hua Tou zu arbeiten. Meistens füllen wir diese zeit mit leichtfertigen Sachen aus. Wir spielen alberne Spiele, rätseln, hören Radio, schwatzen oder sind Zuschauer beim Sport. Das sind die Zeiten, in denen wir unseren Geist auf das Hua Tou lenken sollten. Keiner kann schließlich sagen, wann der magische Augenblick kommt.
In China nennen wir eine Scheibe Fleisch „reines Fleisch“. Es ist nicht mit anderen Zutaten vermischt, wie es zum Beispiel eine Wurst ist. Manchmal bedeutet „pures Fleisch“ das beste Stück Fleisch. Die Leute sagen dem Fleischer immer, dass sie das wollen: „pures oder erstklassiges Fleisch.“
Es war einmal ein Mann, der das Hua Tou „Wer hat Buddha-Natur“ betrachtete. Jeden Tag ging er auf seinem Weg zur Arbeit an einem Fleischer vorbei. Er hörte die Leute immer nach erstklassigem „purem“ Fleisch fragen, aber hat dem Ganzen niemals viel Aufmerksamkeit geschenkt.
Eines Tages kaufte eine Frau Fleisch und wie üblich bestand sie darauf, dass ihr der Fleischer nur erstklassiges, „pures“ Fleisch geben sollte. Sie schrie förmlich: „Gib mir bitte pures Fleisch!“ Das irritierte den Fleischer und er brüllte zurück: „Welches Stück ist nicht „rein“?“
Der Mann hörte das zornige Geschrei und plötzlich erkannte er, dass alles Fleisch „pur“ Fleisch ist und jeder sozusagen Buddha-Natur hat. Ha! Wer hat keine Buddha-Natur?
In diesem Augenblick erlangte der Mann die Erleuchtung! Er war ganz aufgeregt, hüpfte und sprang und sagte immer wieder: „Welches Stück ist nicht „rein“?“ Diese Verrücktheit nennen wir die Chan-Krankheit. Sie dauert nicht sehr lange, aber es braucht einige Tage, bis sich der Patient beruhigt hat. Allerdings ist es eine wundervolle Krankheit, die man sich da einfangen kann. Zum Glück gibt es keine Medizin, die sie zu heilen vermag.
Ein Mönch fragte einmal den Meister Zhao Zhou, was passiert, wenn ein Mensch schließlich den von allen Sinnen befreiten Zustand erreicht?
Meister Zhao Zhou antwortete: „Er legt es ab“ Der Mönch verstand das nicht. Also wurde diese verzwickte Angelegenheit sein Hua Tou. „Wie kann jemand das Nichtvorhandensein von etwas ablegen?“ Er arbeitete wieder und wieder daran, aber er konnte es nicht verstehen. Er ging zurück zu Meister Zhao Zhou und fragte: „Wie kann jemand das Nichtvorhandensein von etwas ablegen?“ Meister Zhao Zhous Antwort war einfach: „Was du nicht ablegen kannst, das trage mit dir fort.“ In diesem Moment war der Mönch erleuchtet.
Ihr seht also, Meister Zhao Zhou wusste, dass das einzige, was wir nicht ablegen können, unsere Buddha-Natur ist. Das allein können wir wirklich mit uns tragen.
Manchmal hören wir den Ausdruck: „Man kann nichts mitnehmen.“ Meistens meinen die Leute damit, dass man Geld, Ruhm oder Macht zurücklassen muss, wenn man ins Grab steigt. Auch das Ich kann nicht ins Nirvana mitgenommen werden.
Meister Zhao Zhou sagte dem Mönch auch, dass das Erreichen der Erleuchtung nichts ist, womit ein Mensch prahlen sollte. Niemand kann sagen: „Ich bin erleuchtet!“, weil die Erfahrung der Erleuchtung genau genommen eine Ich-lose Erfahrung ist. Das Ich wird ausgelöscht und die reine Buddha-Natur wird erfahren. Es gibt kein Ich, das behaupten kann, erleuchtet zu sein. Das ist die erheiterndste und heilsamste Erfahrung die es gibt. Jemand, der an irgend einer Krankheit des Ich leidet, sollte es mit einer Dosis Erleuchtung versuchen. Die Behandlung wirkt dauerhaft.
Bevor wir mit diesen Anleitungen beginnen, ist es – so glaube ich – wichtig, den Unterschied zwischen Gastgeber und Gast zu verstehen.
In der Surangama Sutra fragt Arya Ajnatakaundinya „Was ist der Unterschied zwischen einem Siedler und einem (Durch-)Reisenden? Er beantwortet die Frage mit dem Beispiel des Reisenden, der an einer Herberge halt macht. Der Reisende speist und schläft, während er weiter auf seinem Weg ist. Er hält nicht an und lässt sich in der Herberge nieder. Er bezahlt seine Rechnung, geht und setzt seine Reise fort. Aber was ist mit dem Herbergsbesitzer? Er geht nirgendwo hin. Er wohnt weiter in der Herberge, weil es der Ort ist, an dem er lebt. „Und deshalb, so sage ich, ist der Durchreisende der Gast und der Herbergsbesitzer ist der Gastgeber.“, sagte Arya Ajnatakaundinya.
So können wir auch die unzähligen Gedanken des Ich bezeichnen, die im Bewusstsein erscheinen und verschwinden. Es sind Reisende, die kommen und gehen und die wir nicht mit aufwendigen Übungen versuchen sollten zu halten. Unsere Buddha-Natur ist der Gastgeber, der die Reisenden passieren lässt ohne Hindernis. Ein guter Gastgeber hält die Reisenden nicht mit nutzlosem Geschwätz von ihrer Reise ab.
Auch sollten wir unsere flüchtigen Gedanken nicht verfolgen, genau so wie eben der Gastgeber nicht zusammen mit seinen Gästen die Sachen packt und aufbricht.
Viele Menschen streben danach, ihren Geist frei von allen Gedanken zu bekommen. Das ist ihre Meditationspraxis. Sie versuchen, nicht zu denken. Sie denken: „Ich will nicht denken.“ Das ist eine sehr schwere Technik, die Anfängern nicht zu empfehlen ist. Tatsächlich ist das Stadium des leeren Geistes, was sie anstreben ein sehr fortgeschrittenes geistiges Stadium. Es gibt viele geistige Stadien, die dem vorausgehen müssen.
Der Fortschritt im Chan ist wie der Versuch einen hohen Berg zu erklimmen. Wir fangen unten an. Was ist unser Ziel? Nicht die Spitze, aber das Basislager Nr. 1. Nachdem wir hier geruht haben, steigen wir weiter hinauf, aber wieder ist unser Ziel nicht der Gipfel, sondern das Lager Nr. 2. Wir versuchen den Gipfel erst vom letzten Lager aus zu erklimmen.
Niemand würde auch nur im Traum daran denken, den Mount Everest in einem schnellen Aufstieg zu erklimmen. Und der Gipfel des Chan ist höher als der des Mount Everest. Aber im Chan will jeder mit dem Ende anfangen. Niemand will mit dem Anfang beginnen. Wenn die Anfänger ein Flugzeug nehmen könnten, das sie auf das Dach der Welt brächte, dann würden sie es nutzen, aber das wäre kein Bergsteigen mehr, oder?
Begeisterung für das Erreichte, das ist das, was die Menschen zu kleinen Schritten führt. Aber die Reise selbst ist die eigentliche Errungenschaft.
Eine bessere Art, um den Geist leer zu machen und Gedanken bereits an ihrer Entstehung zu hindern, ist, auf Klänge oder Töne zu meditieren. Bei dieser Methode sitzen wir ruhig da und was wir immer hören, lassen wir sozusagen in ein Ohr hineingehen und durch das andere Ohr hinausgehen. Wir sind dann wie gute Gastwirte, die ihre Gast-Gedanken nicht mit unnötigem Geschwätz aufhalten.
Wenn wir die Hupe eines Autos hören, dann nehmen wir das Geräusch einfach wahr, ohne uns zu sagen: „Die Hupe klingt wie Mr. Wangs Bentley. Ich frage mich, was er macht.“ Oder wenn ein Kind draußen schreit, dann lassen wir diesen Schrei durch unseren Geist ziehen ohne zu sagen: „Was für ein lärmender Junge! Ich wünschte, seine Mutter würde ihm bessere Manieren beibringen.“
In manchen Chan-Praktiken ist es üblich, jemanden mit dem Stock zu schlagen, sobald er Schläfrigkeit zeigt. In den Gängen patrouilliert jemand mit einem Stock. Niemand darf sich bewegen oder Atemgeräusche machen oder um Himmels Willen einnicken. Man wird ihn mit dem Stock schlagen. Das ist albern und verstößt, um die Wahrheit zu sagen, dem Gebot der Gewaltlosigkeit.
Was sollen wir tun, wenn eine ältere Nonne oder ein älterer Priester in der Meditationshalle einschlummern? Sollen wir sie mit einem Stock schlagen? Verwechseln wir Faulheit mit Müdigkeit? Vielleicht hat die schläfrige Person die ganze Nacht bei den Kranken gewacht. Sollten wir sie dafür bestrafen, dass sie vor Erschöpfung einschläft? Nein. Wir sollten ihr einen starken Tee anbieten. Wenn sie sich aufrichten möchte, dann trinkt sie den Tee. Aber wenn sie ein Nickerchen machen möchte, dann sollten wir sie ausruhen lassen. Vielleicht ist lautes Atmen oder die Ruhelosigkeit das Symptom einer Krankheit. Sollen wir einen Kranken schlagen, um seine Unannehmlichkeiten zu vergrößern? Nein. Das ist nicht die Art von Chan.
Was sollen wir aber tun, wenn wir sicher sind, dass die Geräusche nicht von Ermüdung oder Krankheit herrühren? Wir sollten mit den Geräuschen des Atmens oder der Bewegung genau so umgehen wie mit der Autohupe oder dem Kindergeschrei. Wir sollten es nur als ein Geräusch wahrnehmen ohne weiter darüber nachzudenken. Wir sollten unser Selbst nicht an das Geräusch binden. Wir sollten es einfach in unseren Geist eindringen lassen, ungehindert wie ein Gast in ein Wirtshaus. Der Gast kommt und geht. Wir wühlen nicht in den Angelegenheiten de Gastes herum. Wir halten ihn nicht mit Geplapper und unnötigem Geschwätz auf.
Buddha bat Manjushri zwischen den verschiedenen Methoden, die Erleuchtung zu erlangen, zu wählen. „Welche ist die Beste?“, fragte er. Manjushri wählte die Avalokiteshvara Bodhisattvas Methode des Hörens als die Beste.
Vergesst nicht, dass die Meditation nach Klängen die Grundlage dafür ist, die das Ich aus dem Prozess des Hörens zum urteilsfreien Wahrnehmen durch die Buddha-Natur führt. Wo immer wir das tun, machen wir diesen Platz zu einem Bodhimandala, zu einem heiligen Platz, wo die Erleuchtung erlangt werden kann.
Wir brauchen keine Meditationshalle, um diese Technik zu übern. Wir können das jeden Tag in unserem alltäglichen Tun, wo immer wir sind, üben.
Wir sollten unsere Übungen nicht auf die Zeit beschränken, die wir in einer Meditationshalle verbringen. Die Meditationshalle ist eigentlich nur dazu da, um denen, die Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren, einen Ort zur Verfügung zu stellen, an dem es lediglich eine minimale Ablenkung gibt.
Manche Leute gehen deshalb in die Meditationshalle, weil sie eine Art Zwang zum Meditieren brauchen. Sie würden allein zu Hause nicht üben. Warum sollte ein Mensch zu einer so wundervollen Erfahrung gezwungen werden? Wie albern das doch ist!
Manche Menschen gehen in die Meditationshallen, weil sie dort Freunde treffen wollen. Das ist ein Missbrauch des Chan. Es verwandelt den Chan von einem Weg zur Erleuchtung in eine andere Sackgasse, eine Gasse des Samsara. Ist das nicht schade?
3. Meditation auf ein bestimmtes Objekt
Manchmal ist ein Gast kein Durchreisender. Manchmal kommt ein Gast in die Herberge mit der Absicht, eine Weile zu bleiben. Nun, dann muss der Wirt ihm besondere Aufmerksamkeit schenken.
Der Gastgeber fragt nicht nach dem Zweck des Besuches, bevor sich der Gast ins Gästebuch einträgt. Genauso ist es mit der Meditation. Bevor wir uns hinsetzen, um zu meditieren, laufen wir nicht herum und studieren das Objekt, über das wir meditieren wollen.
Angenommen, wir wählen eine Rose als Objekt. Das ist ein besonders schönes Objekt für eine Chan Meditation, weil die Rose Chinas größtes Geschenk an den Gartenbau ist.
Eine Rose kann unsere Sinne auf verschiedenartige Weise ansprechen.
Nachdem wir zur Ruhe gekommen sind und unsere Atmung reguliert haben, schließen wir langsam die Augen und versuchen, uns eine Rose vorzustellen. Wir erlauben uns nicht, abzuschweifen und an persönliche Erinnerungen von Rosen zu denken.
Wir sehen einen Stiel, wie lang er ist, wie dick, wie grün usw.
Wir sehen die Dornen, ihre Form, ihre Spitzen, ihre Anordnung am Stiel. Und wieder schweifen wir nicht ab, indem wir an die verschiedenen Gelegenheiten denken, da wir von den Dornen gestochen worden sind.
Vielleicht spüren wir ganz leicht den Dorn, aber nur in unserem Geist. Dann kommen wir zu den verschiedenen Teilen der Blüte. Abhängig von unseren botanischen Kenntnissen setzen wir die Blüte zusammen: Blütenstempel, Staubgefäße, Blütenblätter usw.. Die Blütenblätter sind so weich. Welche Farbe haben sie? Der Pollen ist so gelb und puderig. Wir sehen den gelben Staub neben den Blütenblättern. Eine Rose duftet auch. Wie ist der Duft unserer Rose? Wir beginnen ihn tatsächlich zu riechen.
Auf diese Art meditiert man über eine Rose oder jedes andere Objekt. Vergesst nicht, dass wir uns niemals erlauben abzuschweifen und beim Meditieren an Rosen denken, die wir kannten oder an Augenblicke als wir Rosen schenkten und bekamen.
Bald wird die Rose in unserem Geist glühen. Die rose wird von solcher Schönheit sein, dass wir wissen, das wir das Ideal einer himmlischen Rose selbst gesehen haben. Dann werden wir vielleicht voll Entzücken aufschreiben, denn es ist nicht vielen Menschen erlaubt, einen der Schätze des Himmels zu erblicken.
4. Die Meditation auf den Namen Buddha
Im Mahayana Buddhismus ist Buddha Amitabha, der Buddha des Westens sehr wichtig. Die Chinesen sprechen es Amitabha Amitofo aus. Deshalb ist die Wiederholung des Namens Amitofo eine hervorragende Übung.
Zuerst richten wir unseren Geist auf eine Vorstellung des Buddha Amitabha. Wir erkennen auch unsere große Schuld ihm gegenüber.
Entsprang nicht der Bodhisattva Avalokiteshvara Guan Yin aus seiner Braue? Wo wäre denn die Erlösung des Mahayana ohne unseren geliebten Guan Yin? Also behalten wir Buddha in unserem Geist so wie wir seinen geheiligten wiederholen.
Was ist der falsche Weg Buddhas Namen zu wiederholen? Das ist leicht zu erklären. Stellt Euch einen Kranken vor, der ein Fläschchen Penizillin-Tabletten bekommen hat. Stellt ihn Euch vor wie er da sitzt und sie ungeöffnete Flasche in der Hand hält und ständig „Penizillin, Penizillin, Penizillin“ sagt. Wird ihn das heilen? Nein. Er muss das Penizillin einnehmen. Er muss es schlucken und in sich aufnehmen. Das bloße Wiederholen des Namens der Medizin wird ihn nicht heilen.